„Erfolgreiche KI-Integration ist keine Frage der Technik, es ist eine Frage der Kultur. Der Anstoß muss vom CEO ausgehen.“

Master-Studiengang Digital Business Communications

    „Erfolgreiche KI-Integration ist keine Frage der Technik, es ist eine Frage der Kultur. Der Anstoß muss vom CEO ausgehen.“ Thorsten Greiten, Owner & CFO bei NetFederation GmbH

     

    Im Interview: Thorsten Greiten

    Thorsten Greiten, Owner & CFO bei NetFederation GmbH im Gespräch mit dem Master-Studiengang Digital Business Communications 

    Aus eurer Beratungspraxis: Wo stehen Unternehmen heute beim Einsatz von KI in Unternehmenskommunikation und Investor Relations – eher Experiment oder schon produktiver Einsatz?

    Knapp dreieinhalb Jahre nach dem ChatGPT-Moment hat Künstliche Intelligenz (KI) die Investor-Relations-Branche erfasst – aber sehr ungleichmäßig. Die Mehrheit der Unternehmen befindet sich noch im Experimentiermodus. Wir sehen in unseren IR-Workshops und Benchmark-Analysen 2025/26 ein klares Bild: Rund 40 bis 50 Prozent der Emittenten beobachten oder testen KI punktuell – meist mit ChatGPT oder Copilot für Textzusammenfassungen.

    Ein struktureller Produktiveinsatz ist dagegen noch die Ausnahme. Wirklich integriert ist KI erst dort, wo Prozesse angepasst wurden: bei automatisierten Q&A-Setups, Monitoring-Feeds oder der KI-gestützten Voranalyse von Analystenberichten. Geschätzt sind es jetzt etwa nur 5% aller Unternehmen, die bereits mit eigenentwickelten Agenten arbeiten. Kurz gesagt: Alle sprechen über KI. Wenige schöpfen die Möglichkeiten aus oder haben diese organisatorisch verankert.

    Welche KI-Anwendungsfälle in Reporting, IR oder Finanzkommunikation bringen Unternehmen aktuell wirklich messbaren Nutzen und welche werden überschätzt?

    Messbaren Nutzen sehen wir vor allem dort, wo KI konkrete Routineaufgaben übernimmt. Aus unseren DIRK-Expertenworkshops, in denen wir praxiserprobte Business Cases aus dem DAX-40-Alltag vorstellen und testen, kristallisieren sich klare Gewinner heraus:

    Das Zusammenfassen und Aufbereiten von Analystenreports für das Management ist ein echter Quick Win. Ein Report wird hochgeladen, der Prompt gibt eine klare Struktur vor – Gesamteinschätzung, Finanzdaten, Ausblick, Zielkursänderungen – und Copilot liefert ein formatiertes Briefing in Minuten statt Stunden. Das funktioniert genauso für Peer-Reporting, also wenn ein Wettbewerber Quartalszahlen veröffentlicht. Ebenso überzeugend: der Einsatz als intelligenter Filter für die tägliche Informationsflut. IR-Teams werden mit Studien, Reports und Interviews überflutet – ein einfacher Prompt kann sofort identifizieren, ob ein Dokument relevante Hinweise für die eigene IR-Arbeit enthält.

    Ein weiterer Punkt mit großem Nutzen ist die Content-Strukturierung für KI-Sichtbarkeit. Maschinenlesbare IR-Inhalte entscheiden zunehmend darüber, ob ein Unternehmen in ChatGPT, Perplexity oder Gemini als Quelle erscheint. Das ist kein SEO- oder Marketingthema, sondern entscheidet über die Deutungshoheit von Inhalten im Kapitalmarkt.  Der Nutzen hat strategische Bedeutung und ist kaum in monetären Werten auszudrücken.

    Spannende Fortschritte sind auch bei der Virtualisierung der Investor Relations Arbeit zu sehen. Avatare sind ein gutes Beispiel dafür, wie KI ganz konkrete Engpässe in der IR-Kommunikation lösen kann. Denn was IR-Teams im Alltag oft ausbremst, ist nicht der Inhalt – sondern die Produktion. Wenn ich für jede Quartalsbotschaft, jedes Strategie-Update oder jede ESG-Erläuterung erst einen Drehtermin organisieren muss, kostet das Zeit, die ich in der Berichtssaison schlicht nicht habe. Mit Avataren kann ich solche Videoformate kurzfristig produzieren und bei Bedarf aktualisieren – ohne Kamerateam, ohne Studio. Besonders interessant wird es bei der internationalen Kapitalmarktkommunikation: Mehrsprachige Versionen lassen sich parallel bereitstellen, was gerade für Unternehmen mit einer breiten internationalen Investorenbasis ein enormer Effizienzgewinn ist. Und es gibt noch einen weiteren Aspekt, den man nicht unterschätzen sollte: Videoformate mit Avataren erhöhen die Verweildauer auf IR-Seiten. Komplexe Themen wie Geschäftsmodell oder Guidance werden dadurch zugänglicher – gerade auch für Privatanleger, die sich vielleicht nicht durch ein 80-seitiges PDF arbeiten wollen.

    Aber – und das ist mir wichtig – Avatare stärken die digitale Präsenz, sie ersetzen nicht die persönliche Glaubwürdigkeit im direkten Investorenkontakt. Ein Avatar kann eine Quartalsbotschaft vermitteln, aber das Vertrauen eines institutionellen Investors gewinnt man nach wie vor im persönlichen Gespräch.

    Überschätzt werden aktuell autonome KI-Systeme, die ohne menschliche Kontrolle regulatorisch sensible Texte erstellen sollen. In IR bleibt der Validierungsschritt zwingend menschlich – allein aus kapitalmarktrechtlichen Gründen. Das zeigt zum Beispiel auch die Fähigkeit von KI bei faktenbasierten Recherchen mit konkreten Datenpunkten. Wir haben das im Workshop an einem anschaulichen Beispiel erlebt: Bei der Recherche von Hauptversammlungsterminen aller DAX-40-Unternehmen war sogar der HV-Termin des eigenen Unternehmens falsch angegeben. Ähnlich bei der Sentiment-Analyse von Analystenreports vor und nach Quartalszahlen – ein ambitionierter Anwendungsfall, der auf den ersten Blick vielversprechend aussieht, bei dem der Aufwand für die Qualitätskontrolle aber den der manuellen Recherche übersteigen kann. Die Faustformel lautet: KI ist stark beim Verdichten, Formulieren und Filtern – aber noch nicht verlässlich beim eigenständigen Recherchieren verifizierter Fakten.

    Mit welchen KI-Tools oder -Plattformen sammeln Unternehmen aktuell die besten Erfahrungen im IR-Umfeld und wovon ratet ihr eher ab?

    Microsoft Copilot ist aktuell das Werkzeug, mit dem IR-Abteilungen die besten Erfahrungen sammeln – und zwar aus einem ganz pragmatischen Grund: M365 ist für die meisten IR-Teams ohnehin das digitale Zuhause. Copilot dockt direkt an Outlook, Word, Excel, PowerPoint und Teams an und greift über den Microsoft Graph auf den eigenen Unternehmens-Tenant zu. Für IR-Teams, die täglich mit vertraulichen Finanzdaten und sensibler Kapitalmarktkommunikation arbeiten, ist das entscheidend: Die Daten bleiben innerhalb der geschützten IT-Umgebung.

    Darüber hinaus beobachten wir, dass viele DAX-40-Konzerne bereits weiter gehen und eigene KI-Ökosysteme aufbauen – interne Chat-Systeme auf GPT-4o-Basis, spezialisierte Assistenten und unternehmenseigene KI-Plattformen. Andrea Wentscher von BASF hat es in unserem  Interview treffend formuliert: Der Einsatz von KI im eigenen internen Arbeitsumfeld verspricht derzeit den größten Nutzen, weil die Arbeit im eigenen Tenant die Sicherheit erhöht.

    Wovon wir abraten: den Versuch, KI-Tools zu katalogisieren oder sich in der Fülle an Einzellösungen zu verlieren. KI-Tools schießen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Stattdessen empfehlen wir, genau zu beobachten, an welchen Stellen KI im eigenen IR-Alltag konkret eingesetzt werden kann, und dort systematisch Erfahrung aufzubauen. Die Kombination aus verschiedenen KI-Tools bringt oft die besten Ergebnisse – ein einziges Tool für alles gibt es nicht.

    Viele IR-Teams hoffen auf Zeitersparnis durch KI. In welchen Bereichen der Content-Erstellung funktioniert das bereits gut?

    Die größte Zeitersparnis sehen wir aktuell in vier Bereichen:

    Erstens bei der Vorbereitung auf Investorenveranstaltungen. Vor einem Vortrag vor Privatanlegern lässt sich Copilot nutzen, um systematisch mögliche Fragen aus dem Publikum zu generieren. Wenn man die Zielgruppe präzise beschreibt und den aktuellen Geschäftsbericht hochlädt, stehen innerhalb von Minuten ein fundiertes Briefing und eine praxisnahe Fragenliste bereit – statt stundenlanger Recherche.

    Zweitens bei der Verdichtung von Dokumenten: Analystenreports fürs Management aufbereiten, Peer-Reporting nach Quartalszahlen eines Wettbewerbers oder das schnelle Screening von Studien und Reports auf IR-Relevanz. Besonders praktisch: Copilot erstellt das Briefing direkt als formatiertes Dokument – Schriftart, Überschriften, Aufzählungsformate lassen sich im Prompt definieren. Das spart nicht nur inhaltliche Arbeit, sondern auch die anschließende Formatierung, die oft ein unterschätzter Zeitfresser ist.

    Drittens beim Formulieren und Übersetzen von IR-Texten. Und viertens bei der Vorbereitung von Präsentationen, wo KI-Struktur und erste Entwürfe liefern kann.

    Entscheidend für die Qualität ist dabei die Qualität der Prompts. Wir arbeiten mit dem Akronym RICEFACT – Role, Instruction, Context, Examples, Format, Action, Constraints, Tone – als Leitplanke. Aber manchmal führen auch ganz einfache Prompts zum Ziel, insbesondere wenn die hochgeladenen Dokumente bereits genügend Kontext liefern.

    Mit Blick auf die nächsten zwei bis drei Jahre: Welche Rolle wird KI in IR-Prozessen spielen, unterstützendes Werkzeug oder struktureller Bestandteil der Kommunikation?

    Beides – und das ist keine Sowohl-als-auch aus Verlegenheit, sondern eine bewusste Einschätzung auf zwei Ebenen.

    Auf der operativen Ebene bleibt KI ein Werkzeug – allerdings ein zunehmend leistungsfähiges. Wir werden immer mehr sogenannte Agenten sehen, also eigene KI-Algorithmen, die Routineaufgaben eigenständig erledigen: Reporting-Prozesse automatisieren, Dokumente verdichten, Informationen filtern. Andrea Wentscher von BASF hat es mal in unserem Interview so prognostiziert: Idealerweise verbleibt so mehr Zeit für das „Relations“ in IR. Das teile ich vollständig. Buchwissen verliert an Bedeutung – Erfahrungswissen zählt weiterhin.

    Auf der strategischen Ebene aber wird KI zum strukturellen Bestandteil – und zwar auf eine Weise, die viele noch unterschätzen. Wir stehen vor einem fundamentalen Paradigmenwechsel in der IR-Kommunikation. KI-Systeme wie ChatGPT, Claude, Perplexity und Google Gemini durchsuchen Unternehmensinhalte rund um die Uhr, beantworten Investorenanfragen und prägen das Bild von Unternehmen – unabhängig davon, ob diese aktiv dazu beitragen oder nicht. Das bedeutet: Reputation wird nicht mehr nur durch das geprägt, was Unternehmen sagen, sondern durch das, was KI-Systeme über sie berichten.

    Daraus ergeben sich drei konkrete Entwicklungsstufen, die wir bei NetFed identifiziert haben: Erstens muss die Equity Story nicht nur kommuniziert, sondern inszeniert werden – „Why invest“ als zentraler Ankerpunkt der IR-Website. Zweitens müssen Daten nicht nur bereitgestellt, sondern verständlich gemacht werden – durch interaktive Visualisierungen statt Excel-Downloads. Und drittens wird KI-Readiness zur Pflicht: strukturierte Daten, barrierefreie Dokumente, semantische Überschriften, Metatexte, Alternativtexte. Wer hier nicht präsent ist, verliert die Kontrolle über seine Erzählung – an externe Quellen, unvollständige Informationen und Drittanbieter-Interpretationen. Und zwar nicht in Monaten, sondern in Echtzeit.

    Wer heute handelt, sichert sich die Deutungshoheit von morgen. Wer wartet, überlässt sie anderen.

    Vielen Dank für das Interview!

    Sehr gerne!

    Webinar „Gen AI in IR 2.0“ am 26. März 2026

    Wir freuen uns, Thorsten Greiten und Andrea Wentscher im Rahmen des Webinars „Gen AI in IR 2.0“ als Gäste zu begrüßen und mit ihnen unsere Studienergebnisse zu diskutieren. Weitere Informationen zu Studie und Webinar finden Sie hier.

    Weitere Informationen:

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    FH-Prof. Mag. Kovarova-Simecek Monika

    FH-Prof. Mag. Monika Kovarova-Simecek

    Stellvertretende Leiterin des Kollegiums Studiengangsleiterin Digital Business Communications (MA) Studiengangsleiterin Digital Management und Sustainability (MA) Stellvertretende Studiengangsleiterin Management und Digital Business (BA) Department Digital Business und Innovation